Bauen unter Druck
Ein Bauprojekt ist eine lange Kette: Grundstück, Planung, Genehmigung, Finanzierung, Bau, Fertigstellung. Jedes Glied hat sein eigenes Tempo, und die wichtigsten Zahlen entstehen an ganz unterschiedlichen Stellen. Wer fragt, ob der Wohnungsbau stockt oder läuft, bekommt je nach Quelle eine andere Antwort. Die Daten, die vorliegen, zeigen nicht eine, sondern mehrere Geschwindigkeiten.
Was die Zahlen sagen
Drei Blickwinkel lassen sich mit den verfügbaren Daten unterscheiden.
Erstens Hessen: Genehmigungen steigen, Fertigstellungen fallen. Nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamts wurden 2025 in Hessen 16.772 Wohnungen genehmigt, 21,8 Prozent mehr als im Vorjahr; davon entfielen 12.752 auf den Neubau von Wohngebäuden, ein Plus von 16,5 Prozent.1 Gleichzeitig wurden nur 15.542 Wohnungen fertiggestellt, 13,5 Prozent weniger als 2024 mit 17.977.2 Genehmigungen und Fertigstellungen laufen also in entgegengesetzte Richtungen.
Diese beiden Zahlen sind nicht widersprüchlich, sondern zeitversetzt. Eine Genehmigung ist der Beginn, die Fertigstellung das Ende eines Prozesses, der mehrere Jahre dauern kann. Dass die Genehmigungen 2025 deutlich zulegen, bedeutet nicht, dass 2025 entsprechend viel gebaut wurde. Es bedeutet, dass der Nachschub an geplanten Projekten wächst, während die Zahl der abgeschlossenen Wohnungen noch fällt. Die Annäherung sieht man erst später.
Zweitens Frankfurt: ein hoher, aber rückläufiger Zubau. In Frankfurt am Main wurden 2025 3.772 Wohnungen fertiggestellt, davon 3.481 in neu errichteten Gebäuden.2 Der Wert ist beachtlich, aber er bewegt sich nicht nach oben. Für das erste Halbjahr 2026 weist die Frankfurter Rundschau unter Berufung auf Stadtangaben 1.551 genehmigte Wohnungen aus, 8,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.3 Frankfurt bleibt rechnerisch ein Standort mit nennenswertem Wohnungsbau, doch die Genehmigungen, der früheste Indikator der Kette, gehen zurück.
Drittens Zinsen und Kredit: Wieder oben, wieder enger. Der Preis des Bauens wird von der Europäischen Zentralbank mitbestimmt. Der Einlagensatz lag bis Juni 2026 bei 2,00 Prozent und wurde mit Wirkung zum 17. Juni 2026 auf 2,25 Prozent angehoben; die Hauptrefinanzierungsgeschäfte stehen bei 2,40 Prozent, die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 2,65 Prozent.4 Damit ist die Zinssenkung seit dem Sommer 2026 beendet, die Finanzierung wieder teurer als zuvor.
Parallel berichten Unternehmen von engeren Kreditbedingungen. Im Bank Lending Survey des zweiten Quartals 2026 melden Eurogebiet-Banken eine moderate weitere Verschärfung der Kreditstandards für Kredite an Unternehmen, mit einem Nettoanteil von 7 Prozent.5 Im Survey on the Access to Finance of Enterprises geben netto 42 Prozent der Unternehmen an, dass die Zinssätze auf Bankkredite gestiegen sind, deutlich mehr als im Vorquartal (26 Prozent).6 Diese Befragungen sind eurogebiet-weit; für die Region sind sie eine Rahmung, keine Messung.
Dass Stimmung und Zins zusammenwirken, zeigt der Blick in die Konjunktur. Der Geschäftsklimaindex für Bau und Immobilien im IHK-Bezirk Frankfurt am Main fiel im Frühsommer 2026 von 102 auf 91 Punkte, unter die Wachstumsschwelle von 100.7 Die Branche sieht also schlechter aus, als sie im Jahr zuvor aussah.
Wo die Zahlen enden
Die Daten erklären viel, aber sie lassen eine zentrale Lücke: Zwischen Genehmigung und Fertigstellung klafft eine Strecke, die kein veröffentlichter Wert abbildet. Die Zahl der genehmigten Wohnungen sagt nichts darüber, wie viele Projekte wirklich umgesetzt werden. Sie misst die Planungsentscheidung, nicht das Ergebnis. Genau dort aber liegt der Engpass, wenn Projekte an Kosten, Zinsen oder der Wirtschaftlichkeit scheitern, bevor der erste Stein gesetzt wird.
Hinzu kommt, dass die Werte unterschiedlich definiert sind. Die Fertigstellungszahlen umfassen alle Baumaßnahmen, also auch Umbauten an bestehenden Gebäuden, nicht nur den Neubau. Der Frankfurter Gesamtwert von 3.772 Wohnungen schließt Baumaßnahmen außerhalb von Neubaugebäuden ein, während der Neubauwert von 3.481 enger gefasst ist. Wer diese beiden Zahlen vergleicht, muss wissen, was jeweils gemessen wird.
Und schließlich ist kein Wert für die Region belastbar. Die EZB-Daten beziehen sich auf das Eurogebiet, nicht auf Hessen oder Frankfurt. Den Effekt auf die Region zu bestimmen, wäre eine Schlussfolgerung, kein Messergebnis. Genehmigungen und Fertigstellungen sind zudem vorläufige Werte, die nachträglich korrigiert werden können.
Offene Frage
Die entscheidende Frage lautet, was in den nächsten Jahren aus den Genehmigungen wird. Wenn die 2025 gestiegenen Genehmigungen tatsächlich in Fertigstellungen münden, würde der Rückgang der letzten Jahre allmählich gestoppt. Wenn dagegen ein Teil der Projekte an der Finanzierung und an der Stimmung scheitert, bliebe die Lücke zwischen Planung und Ergebnis bestehen, trotz guter Genehmigungszahlen.
Die Datenlage erlaubt dazu keine Prognose. Sie zeigt aber, worauf zu achten ist: auf die Strecke zwischen Genehmigung und Fertigstellung. Sie ist es, die darüber entscheidet, ob Bauen unter Druck bleibt, oder ob die Planung irgendwann im Gebäude ankommt.
Footnotes
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Hessisches Statistisches Landesamt, Baugenehmigungen in Hessen im Jahr 2025, veröffentlicht am 24. Februar 2026. Genehmigte Wohnungen insgesamt 16.772 (plus 21,8 Prozent), Neubau von Wohngebäuden 12.752 (plus 16,5 Prozent). ↩
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Hessisches Statistisches Landesamt, Baufertigstellungen in Hessen im Jahr 2025, veröffentlicht am 22. Mai 2026. Fertiggestellte Wohnungen Hessen 15.542 (minus 13,5 Prozent), 2024: 17.977; Frankfurt am Main 3.772, davon Neubau 3.481. Alle Baumaßnahmen. ↩ ↩2
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Frankfurter Rundschau, 27. August 2026: Rückgang bei Baugenehmigungen in Frankfurt, laut Stadtangaben. Genehmigte Wohnungen im ersten Halbjahr 2026: 1.551, minus 8,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Sekundärquelle, hier nicht unabhängig geprüft. ↩
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Europäische Zentralbank, Key ECB interest rates und Monetary policy decisions 2026. Einlagefazilität 2,25 Prozent, Hauptrefinanzierungsgeschäfte 2,40 Prozent, Spitzenrefinanzierungsfazilität 2,65 Prozent, mit Wirkung vom 17. Juni 2026; bis dahin Einlagensatz 2,00 Prozent. ↩
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Europäische Zentralbank, The euro area bank lending survey, zweites Quartal 2026, veröffentlicht am 21. Juli 2026. Netto 7 Prozent der Banken melden eine moderate Verschärfung der Kreditstandards für Kredite an Unternehmen (Vorquartal 10 Prozent). ↩
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Europäische Zentralbank, Survey on the Access to Finance of Enterprises (SAFE), zweites Quartal 2026, veröffentlicht am 20. Juli 2026. Netto 42 Prozent der Unternehmen berichten gestiegene Zinssätze auf Bankkredite (Vorquartal 26 Prozent). ↩
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IHK Frankfurt am Main, Konjunktur im IHK-Bezirk Frankfurt am Main, Frühsommer 2026. Geschäftsklimaindex Bau und Immobilien 91 Punkte nach 102 in der Vorumfrage; Wachstumsschwelle liegt bei 100. ↩