HINTERGRUND: INDUSTRIE IM IHK-BEZIRK

Wenn Aufträge fehlen, wird Industriepolitik konkret

Die regionale Industrie ist heterogen. Eine Stimmungslage braucht deshalb mehr als einen Indexwert.

Unbenutzte Fertigungszelle mit Roboterarm in einer Industriehalle.
Eine Stimmungslage ersetzt keine Auftragslage.

Der Geschäftsklimaindex der IHK Frankfurt am Main liegt bei 92 Punkten, nach 98 Punkten in der Vorumfrage. Er ist damit unter die Wachstumsschwelle von 100 gefallen, dem Wert, ab dem die Unternehmen ihre Lage und ihre Aussichten insgesamt positiv einschätzen. Nach Angaben der IHK ist es der niedrigste Stand seit Herbst 2022. Für die Befragung im Frühsommer 2026 wurden rund 2.000 Mitgliedsunternehmen angeschrieben, der Rücklauf wird nicht ausgewiesen.

Der Gesamtwert tut allerdings so, als wäre der Bezirk ein einziger Wirtschaftsraum. Er ist es nicht. Hinter dem Klimaindex von 92 verbergen sich sehr unterschiedliche Entwicklungen, die keine einzige Zahl trägt.

Die Salden sagen mehr als der Index

Der Index bündelt die Lagebeurteilung und die Erwartungen. Beide sind im Frühsommer 2026 gesunken. Der Saldo der Geschäftslage liegt bei plus 4 Punkten nach 7, die Erwartungen fallen von minus 9 auf minus 19 Punkte. Eine Saldierung zählt die gewichteten positiven gegen die negativen Antworten und lässt die neutralen weg, die Werte laufen von minus 100 bis plus 100.

Interessant ist die Streuung hinter diesen Salden. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main bezeichnen 26 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, 49 Prozent als befriedigend und 22 Prozent als schlecht. Bei den Erwartungen überwiegt mit 57 Prozent das Urteil “gleichbleibend”, doch 31 Prozent erwarten eine Verschlechterung und nur 12 Prozent eine Verbesserung. Die Salden verraten also, dass die Mehrheit keine Katastrophe sieht, sondern eine zunehmend ungewisse Zukunft. Das ist ein anderer Befund als eine Panik.

Indikator (Saldo)Frühsommer 2026Vorumfrage
Geschäftslage47
Geschäftserwartungen-19-9
Investitionen-60
Beschäftigung-7-2
Exportsaldo-25-3

Quelle: IHK Frankfurt am Main, Konjunkturbericht Frühsommer 2026.

Auffällig ist der Abstand zwischen Lage und Erwartung. Die Gegenwart wird noch als halbwegs tragfähig beschrieben, die Zukunft dagegen deutlich pessimistischer. Der Sprung beim Exportsaldo von minus 3 auf minus 25 Punkte ist der größte Einbruch in der Tabelle. Die Unternehmen sehen den Absatz ins Ausland wegbrechen, bevor die Lage selbst als schlecht gilt.

Eine Branche nach oben, viele nach unten

Der Branchensplit zeigt, wie unterschiedlich die Lage ist. Nur die Industrie verbessert ihren Klimaindex, von 92 auf 95 Punkte. Auf den ersten Blick ein Hoffnungsträger. Auf den zweiten Blick ein Widerspruch: Der Anstieg beruht auf einer besseren Bewertung der gegenwärtigen Geschäftslage, deren Saldo von minus 6 auf plus 5 steigt. Die Aussichten dagegen sinken von minus 10 auf minus 15 Punkte, und der Exportsaldo der Industrie bricht von nahe 0 auf minus 30 Punkte ein.

Die Industrie liefert also die einzige positive Klimaentwicklung des Bezirks, und genau dort fehlt der Auftragsnachschub am deutlichsten. Eine Fabrik kann die Gegenwart gut einschätzen, weil die Bestellung vor zwei Wochen eingegangen ist. Was fehlt, ist das, was in zwei Quartalen ansteht.

Bei Bau und Immobilien ist der Rückgang am stärksten, der Klimaindex fällt von 102 auf 91 Punkte. Der Handel liegt mit 73 Punkten am tiefsten, nach 82. Die Dienstleistungen rutschen von 104 auf 97, der Finanzplatz bleibt mit 120 Punkten nach 123 die stabilste Branche.

Nach Angaben der IHK nennen die Unternehmen als größte Risiken wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen mit 59 Prozent, die Inlandsnachfrage mit 55 Prozent und Energie- und Rohstoffpreise mit 51 Prozent. Der Zuwachs beim Energiethema ist markant: plus 20 Prozentpunkte gegenüber der Vorumfrage. Für die Industrie sind Energie- und Rohstoffpreise mit 71 Prozent das mit Abstand größte Risiko.

Die Risiken ordnen sich je Branche unterschiedlich. Der Handel leidet nach Angaben der IHK vor allem an der schwachen Inlandsnachfrage, die 70 Prozent nennen. Bau und Immobilien verweisen auf wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen mit 66 Prozent. Der Finanzplatz sieht sein größtes Risiko ebenfalls in den Rahmenbedingungen, benennt aber mit 62 Prozent einen ähnlichen Wert wie Industrie und Dienstleistungen. Die Branchen stimmen darin überein, dass die Unsicherheit von außen kommt, weniger aus dem eigenen Auftragsbestand. Sie unterscheiden sich darin, wie stark das jeweilige Geschäft davon betroffen ist.

Wo diese Unsicherheit in der Energieversorgung steht, ist für die Industrie der entscheidende Hebel, mittelfristig benennt die IHK aber auch Fachkräftemangel mit 36 Prozent und Arbeitskosten mit 46 Prozent als Begleitrisiken. Das sind Themen, die sich nicht mit einem Konjunkturprogramm lösen lassen, sondern an der Struktur des Standorts ansetzen.

Stimmung ist nicht Produktion

Ein Klimaindex ist ein Stimmungsbarometer. Er misst, was Unternehmerinnen und Unternehmer erwarten, nicht, was die Betriebe tatsächlich ausstoßen. Die Unterscheidung ist keine Spitzfindigkeit, denn die tatsächliche Produktion in Hessen zeigt ein anderes Bild. Nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamtes beschäftigte das Verarbeitende Gewerbe 2025 rund 334.700 Menschen, das sind 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Umsatz stieg dagegen um 1,2 Prozent auf 124,2 Milliarden Euro, der preisbereinigte Auftragseingang legte um 0,7 Prozent zu. Das Bruttoinlandsprodukt Hessens wuchs 2024 real um 0,4 Prozent.

Die Stimmung ist also schlechter als die tatsächliche Leistung, und die Beschäftigung schwächer als der Umsatz. Wer “Industriepolitik konkret” meint, kommt an dieser Stelle zu Entscheidungen, nicht zu Kennzahlen. Wenn die Investitionen im Saldo bei minus 6 liegen und die Energiepreise als größtes Risiko gelten, dann stellen sich Fragen der Energieversorgung, der Genehmigung und der Absicherung von Aufträgen. Ob eine Anlage erweitert oder stillgelegt wird, entscheidet sich am Auftragseingang und an den Energiekosten, nicht am Klimaindex.

Der Bezirk ist nicht die Region

Die Befragung misst den IHK-Bezirk Frankfurt am Main, also die Stadt Frankfurt, den Hochtaunuskreis und den Main-Taunus-Kreis. Die Kreise Offenbach, Groß-Gerau und die Wetterau gehören nicht dazu. Die ausgewiesenen Regionalindizes bestätigen die Spannbreite: Frankfurt erreicht 97 Punkte, der Hochtaunuskreis 86 und der Main-Taunus-Kreis 85. Die größere Metropolregion FrankfurtRheinMain wird hier nicht abgebildet.

Wer aus dem Bezirksindex auf die ganze Region schließt, vergleicht Äpfel mit Birnen. Und wer aus der schlechten Stimmung auf eine schwache Produktion schließt, übersieht, dass die Industrie in Hessen zuletzt wachsende Umsätze und ein Plus beim Auftragseingang hatte. Die Beunruhigung ist nicht unbegründet, die Erwartungen und der Exportsaldo sprechen eine klare Sprache. Aber sie stützt sich auf Erwartungen, die sich noch nicht in Auftragsrückgänge übersetzt haben. Der eigentliche Test ist, ob aus minus 25 Punkten beim Exportsaldo im nächsten Bericht ein Minus bei den Aufträgen wird. Dann wird Industriepolitik nicht mehr über Stimmung reden, sondern über Aufträge und über Energiekosten.

DATENSTÜCK

Geschäftsklima im IHK-Bezirk: Branchen driften auseinander

Der Gesamtindex fällt unter die Wachstumsschwelle von 100. Die Industrie ist die einzige Branche mit Aufwind, das Bau- und Immobiliengewerbe verliert am stärksten.

Slope-Diagramm: Geschäftsklimaindex nach Branchen. Gesamt 98 auf 92, Industrie 92 auf 95, Bau und Immobilien 102 auf 91, Handel 82 auf 73, Dienstleistungen 104 auf 97, Finanzplatz 123 auf 120. Wachstumsschwelle bei 100. Jahresbeginn 2026 Frühsommer 2026 Finanzplatz Finanzplatz Jahresbeginn 2026: 123 Indexpunkte Finanzplatz Frühsommer 2026: 120 Indexpunkte 120 Indexpunkte Dienstleistungen Dienstleistungen Jahresbeginn 2026: 104 Indexpunkte Dienstleistungen Frühsommer 2026: 97 Indexpunkte 97 Indexpunkte Bau / Immobilien Bau / Immobilien Jahresbeginn 2026: 102 Indexpunkte Bau / Immobilien Frühsommer 2026: 91 Indexpunkte 91 Indexpunkte Gesamt Gesamt Jahresbeginn 2026: 98 Indexpunkte Gesamt Frühsommer 2026: 92 Indexpunkte 92 Indexpunkte Industrie Industrie Jahresbeginn 2026: 92 Indexpunkte Industrie Frühsommer 2026: 95 Indexpunkte 95 Indexpunkte Handel Handel Jahresbeginn 2026: 82 Indexpunkte Handel Frühsommer 2026: 73 Indexpunkte 73 Indexpunkte
Geschäftsklimaindex im IHK-Bezirk Frankfurt am Main nach Branchen
BrancheJahresbeginn 2026Frühsommer 2026
Finanzplatz123120
Dienstleistungen10497
Bau / Immobilien10291
Gesamt9892
Industrie9295
Handel8273
Quelle: IHK Frankfurt am Main, Konjunkturbericht Frühsommer 2026 · Zeitraum: Jahresbeginn 2026 gegenüber Frühsommer 2026 · Einheit: Indexpunkte Methodik und Grenzen der Zahlen

Quellen und Methodik

  1. 01 IHK Frankfurt am Main , Konjunktur im IHK-Bezirk Frankfurt am Main, Frühsommer 2026 , Konjunkturbericht (ISSN 1862-216X); Befragung 21.04.-08.05.2026 , Frühsommer 2026 (Vergleich Jahresbeginn 2026) , IHK-Bezirk Frankfurt am Main (Stadt Frankfurt, Hochtaunuskreis, Main-Taunus-Kreis) , veröffentlicht 2026-05-15 , abgerufen 2026-08-28
  2. 02 IHK Frankfurt am Main , Geschäftsklima im IHK-Bezirk sinkt deutlich , Pressemeldung Nr. 7053950 , 2026 , IHK-Bezirk Frankfurt am Main , veröffentlicht 2026-05-15 , abgerufen 2026-08-28
  3. 03 IHK Frankfurt am Main , IHK-Bezirk Frankfurt in Zahlen 2025-2026 , Wirtschaftsstruktur , 2025/2026 , IHK-Bezirk Frankfurt am Main , veröffentlicht 2026-06 , abgerufen 2026-08-28
  4. 04 Hessisches Statistisches Landesamt , Verarbeitendes Gewerbe in Hessen im Jahr 2025 , Monatsbericht Verarbeitendes Gewerbe , 2025 , Hessen , veröffentlicht 2026-02-26 , abgerufen 2026-08-28